SHZ: Die schwarze Stimme vom Kanal!

24.10.2018 16:09

RENDSBURG: Die Nummer ist nur 2:31 lang, aber sie ist wie ein Brennglas, das 40 Jahre eines musikalischen Marathonlaufs auf einen Punkt konzentriert. Sechs Monate dieser 40 Jahre hat Rainer Beutin alias Charly Schreckschuss darauf verwendet, das Recht zu bekommen, aus dem Klassiker „Sweet Soul Music“, berühmt in der Version von Arthur Conley, eine platt- deutsche Version zu machen. Detlef Petersen (Ex-„Lake“) und Django Seelenmeyer („Leinemann“) halfen ihm dabei, am Ende wollte die New Yorker Firma, die die Rechte verwaltet, Beutins Version hören, also wurde sie rübergeschickt. „Die hat ihnen wohl gefallen“, mutmaßt Beutin.

Auf dem neuen, zwölften Album „Was nun – was tun?“ der Charly Schreckschuss Band zeigt der 67-jährige Beutin, dass er wie kaum ein anderer imNorden die Stimme, das Gefühl und die Kraft für diese schwarze „sweet soul music“ besitzt – und dass die plattdeutsche Sprache verblüffend gut dazu passt. „Lich an nu för düsse Gitarrspiller“ (Manne Kraski) singt er zum Auftakt eines dialogischen Gitarrensolos, das zu den Highlights des Albums gehört. Apropos: Über die Message des Opener-Songs „Halve Brand is wegschmeten Geld“ kann man sicher auch anderer Meinung sein, zumal vor dem Hintergrund, dass Beutin in einem seiner weiteren Leben Gourmet und Weinkenner ist. Aber in dem Song zeigt Kai Dorenkamp, wie rockig und rollig ein Akkordeonsolo klingen kann, wenn man das Instrument so beherrscht wie der junge Hamburger Tastenvirtuose.

Schon lange touren Beutin und seine Bandkollegen nicht mehr wochenlang durch alle Clubs der Republik. Doch wenn eine Band 40 Jahre hält, ist das Anlass genug, noch einmal die Kräfte zu bündeln, ein paar neue Songs zu schreiben und ein paar alte neu einzuspielen. „Charly’s Boogie“ ist ein Standard aus früheren Jahren und hat eine neue, politische Strophe bekommen: „Wenn es dir mies geht, weil du an Trump denkst, und Erdogan dich um den Verstand bringt, die Internationale der Vollidioten wieder auferstanden ist.“ Tja, dann spielt Charly’s Boogie die ganze Nacht, und der ist in der Tat nicht von schlechten Eltern.

Beutin hat schon immer die klaren Wahrheiten geliebt, so wie im Boogie „Männer und Frauen“, die angeblich nicht zusammenpassen, außer in der Mitte. Diese Weisheit stammt angeblich von seiner Schwiegermutter.

Abwechslung bringt die lustige Geschichte von der kleinen Salmonelle, die eine Party aufmischt, ins Repertoire. Ebenso wie ein weiteres Stück in der Reihe von Beutin-Songs aus der kulinarischen Ecke. In „Asparagus“ geht es natürlich um den Spargel.

Wie immer hat der Mann aus Klein-Königsförde am Nord- Ostsee-Kanal handverlesene Könner der Hamburger Musik- szene um sich geschart, von denen Manne Kraski („The Rattles“) nicht nur Gitarre spielt, sondern auch für die Produktion geradesteht. Die ist schlank und transparent, nicht überladen und schafft ein Gleichgewicht zwischen dem Sänger und den Instrumentalisten. Live kann man das Ganze in diesem Herbst an mehreren Orten zwischen Nord- und Ostsee erleben.

Joachim Pohl

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